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Die richtige Lektion lernen

Der Schulbau braucht einen Paradigmenwechsel: Gebäudekonzepte von gestern haben in Zeiten neuer, flexibler Unterrichtsformen ihre Berechtigung verloren. Es geht nicht um das „Gehäuse“ für den Unterricht, sondern es müssen vielmehr räumliches und pädagogisches Programm aufeinander abgestimmt sein.

 

„Alles schläft, nur einer spricht, das Ganze nennt man Unterricht.“ Auch wenn der spöttische Spruch aus früheren Tagen nicht auf alle Schulstunden zutraf (die Schüler damals haben ja trotzdem einiges gelernt!), so bleibt: Die Klassenräume boten nicht nur wegen des Sauerstoffmangels (der spätestens nach 20 Minuten eintrat) durchaus ihren Beitrag zu dieser Fehlform: bedrängende Enge, dem Quadrat angenäherter Grundriss, schwerer Zweiertisch. Dieser Raum galt als tauglich, solange der Gleichtakt das maßgebliche Unterrichtmuster war: Alle sollten zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort das Gleiche mit den gleichen Methoden lernen. Heute weiß man, dass dies ein vergleichsweise ungünstiges Unterrichtsarrangement ist. Heute muss ein Schulraum anderes bedienen: Die Schüler sollen

  • nicht nur (aber auch) zuhören und auswendig lernen, sondern ebenso allein und mit Mitschülern aktiv mit dem Unterrichtsstoff umgehen;

  • in vielen Unterrichtsstunden unterschiedliche Aufgaben bearbeiten können, zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Methoden;

  • in einer Unterrichtsstunde nicht nur ruhiggestellt werden, sie brauchen Bewegung („Sitzen ist das neue Rauchen!“ heißt es in einer aktuellen Studie über den Bewegungsmangel in der Schule);

  • nicht nur den Vormittag sechs Stunden in der Schule verbringen, sie haben an einigen Wochentagen Zeiten bis 16 oder gar 17 Uhr – egal, ob die Schule Ganztagsschule heißt oder nicht.

 

Darum hat der Schulbau von gestern ausgedient. Wie aber sollten dann zukunftsfähige und bezahlbare Bildungsstätten aussehen?

Entscheidend für die pädagogische Handlungsqualität ist an erster Stelle, wie ein Schulgebäude innen aussieht, genauer: wie der Grundriss organisiert ist. Denn um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, braucht es mehr Fläche. Da jeder Quadratmeter kostet, kommt es darauf an, die Fläche klug zu organisieren. Das kann etwa durch die Zusammenschaltung von Klassen- und Gruppenraum (Klassenraum-Plus-Modell), die Koppelung mehrerer Klassen mit einem erweiterten Flurbereich in der Mitte (Clustermodell) oder durch die Öffnung der Klassen zu einer offenen Lernlandschaft geschehen.

 

Ästhetischer Sachverstand

Ein anderes Beispiel für den intelligenten Umgang mit Flächen ist ihre Mehrfachnutzung durch die Kopplung unter anderem von Foyer, Mensa, Bühne für das wichtige „Herz der Schule“: Pausentreffpunkt, Schulaufführung, Feier. In allen Fällen geht es darum, den notwendigen Aktionsspielraum zu erhöhen. Dafür müssen räumliches Konzept und pädagogisches Programm der Schule zueinander passen.

Wichtig für die Anmutungsqualität eines Schulgebäudes ist, wie es außen und innen aussieht. Proportionen, Farben, Material, aber auch Licht und Sichtbeziehungen, hier ist der ästhetische Sachverstand des Architekten gefragt. Der Schulträger seinerseits trägt für die Unterhaltung des Gebäudes Verantwortung. Abblätternder Putz, defekte Fenster, kaputte Sanitäranlagen geben, werden sie zugelassen, ein fatales Signal. Verwahrlosung trägt das Risiko in sich, zu einem sich selbst verstärkenden Teufelskreis zu werden. Beides, architektonische Qualität und Erhaltungszustand, sind nun nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern haben Auswirkungen auf die Motivation sowohl der Erwachsenen als auch der Kinder und Jugendlichen: Gehe ich gern an diesen Ort? Positive Motivation wiederum ist starker Treiber eines jeden Lernprozesses.

Für die Gebrauchsqualität eines Schulgebäudes entscheidend ist etwas, was man meist nicht sieht, aber zum Beispiel hört oder fühlt. Stimmt die Akustik? Ist es zu warm oder zu kalt? Gibt es ausreichend Luftaustausch? Sind Schulmöbel robust und funktional? Gibt es Trinkwasserspender im Flur? Schließlich der politische Dauerbrenner (aber verglichen mit den anderen Punkten keineswegs das Wichtigste): Gibt es Glasfaser und WLAN-Zugangspunkte?

Zukunftsfähige Bildungsstätten müssen bezahlbar sein. Gleichzeitig: Gestiegene Anforderungen an die zeitliche Ausdehnung (Stichwort Ganztag), an die soziale Funktion (Inklusion), an die Erwartungen von Industrie und Handwerk (Digitale Revolution) gibt es nicht zum Nulltarif. Der Aufwand muss aber nicht explodieren. Synergien sind möglich: Der Freiraum der Schule ist nachmittags öffentlicher Spielplatz, der Versammlungsraum der Schule wird für Gemeindeveranstaltungen genutzt, die Schulbibliothek öffnet sich zur Gemeindebibliothek. Auf Hightech-Lösungen – teuer, störanfällig, pädagogisch dysfunktional – kann verzichtet wird. Bei Budgetentscheidungen eines Gemeinderates muss im Blick bleiben: Schulbau verursacht keine Kosten, sondern ist Anlass für eine Investition. Und es gibt kaum etwas Wichtigeres, als in die Zukunft unserer Kinder zu investieren.
 

Der Autor

Dr. Otto Seydel, Leiter des Instituts für Schulentwicklung in Überlingen, ist seit zehn Jahren tätig in der Beratung von Kommunen der Grundlagenplanung von Schulneu- und Umbauten (www.schulentwicklung-net.de).

 

Dieser Text erschien am 14. März 2019 unter Treffpunkt Kommune:

https://www.treffpunkt-kommune.de/die-richtige-lektion-lernen/

Mit freundlicher Unterstützung des Verlags PVS - PRO VERLAG UND SERVICE GMBH & CO. KG

 

Erleben Sie Herrn Dr. Seydel live auf der Fachkonferenz „Bau und Betrieb von Bildungseinrichtungen" am 5./6. Dezember 2019 in München.

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