Warum Ärzte Führung lernen müssen

Interview mit unserem Referenten Jens Hollmann zum Seminar „Mitarbeiterführung für leitende Ärzte“

Die Hierarchie im OP ist unangetastet – die fachliche Qualifikation überzeugt. Doch in allen anderen Bereichen geht es heute auch bei Ärzten um die angemessene Kommunikation. Der zielführende Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen, aber auch mit Kollegen und Schwestern entscheidet über Karrieren. Die universitäre Ausbildung deckt dies nicht ab.

 

Arzt&Karriere: Stehen leitende Ärzte heute vor anderen Herausforderungen als vor 15 Jahren?

Jens Hollmann: Definitiv. Früher war die fachliche Qualifikation alleiniges Kriterium für eine Karriere. Mit den Führungsdefiziten der Ärzte hatten sich alle Betroffenen zu arrangieren. Das ist nun anders. Leitende Ärzte sind verstärkt in ökonomische Anforderungen eingebunden und müssen diese auch verantworten. Es gehört zu ihren Aufgaben, die Attraktivität einer Klinik für Patienten zu erhöhen und sie müssen sich um den Nachwuchs kümmern. Auch die jungen Kollegen haben heute andere Anforderungen an ihren Arbeitgeber als noch vor ein paar Jahren: Sie wollen eine gute Begleitausbildung und erwarten ein angenehmes Arbeitsklima. Zudem haben sie sich selbst in der Rolle des Patienten oft nicht gut aufgehoben gefühlt und wollen es besser machen. Fachliche Qualifikation ist ein Muss, aber mangelnde Führungskompetenz ein KO-Kriterium bei der Besetzung von Leitungsfunktionen in Kliniken und Praxen.

 

Arzt&Karriere: Welche Eigenschaften und Qualifikationen benötigen Ärzte, die in die Leitung streben?

Jens Hollmann: Zuerst natürlich die medizinische Qualifikation für die ausgeschriebene Stelle. Aber gleich danach kommen die Softskills, die nachgewiesen werden müssen. Entweder, indem der Arzt mittels MBA an einer zweijährigen Ausbildung teilgenommen hat. Oder indem er ein Seminar besucht, das ihn qualifiziert. Die Themen der Fortbildung sollten beispielsweise heißen: Führungsstile in Theorie und Praxis, Motivation der Mitarbeiter, Konflikt- und Krisengespräche, Impact Global Responsible Leadership. Und es gibt verschiedene Führungslogiken, die jeder Leitende kennen sollte. Persönliche Coachings sind auch ein Weg zur Erlangung von Führungskompetenz. Dies nutzen oft Ärzte, die bereits in Führungspositionen sind und bemerken, dass sie sich in diesem Bereich noch verbessern könnten.

 

Arzt&Karriere: Muss jeder leitende Arzt ein Psychologe sein?

Jens Hollmann: Nein, aber ein kenntnisreicher Kommunikator. Ein Arzt begegnet einerseits Menschen in Grenzsituationen, das erfordert viel Wissen über gelingende Kommunikation. Aber auch die Konstellationen Oberarzt-Arzt oder Arzt-Assistenzarzt sind nicht frei von Konflikten. Um diese Beziehungen motivierend zu gestalten, muss sich ein Mediziner zuerst über seine Außenwirkung im Klaren sein. Selbst- und Fremdwahrnehmung laufen bei Ärzten erfahrungsgemäß oft weit auseinander. Es macht also Sinn, sich ein Profil über sich selbst zu erarbeiten: Was sind meine Stärken, wie gehe ich mit Konflikten um, wie kann ich mich verbessern? Auch die Teamdynamik in der Konstellation Arzt-Schwesternschaft wird gestört, wenn ein Leitender keinen adäquaten Umgang findet. Ohne die Schwestern, kann er seine Patienten nicht richtig versorgen. Der Mediziner ist zutiefst darauf angewiesen, Teamplayer zu sein. Es ist also auf allen Ebenen wichtig, Führungskompetenz zu erwerben. Und erst, wenn er sich selbst realistisch einschätzt, kann er auch an seiner Führungsqualität arbeiten.

 

Arzt&Karriere: Sind die Softskills wirklich entscheidend für die Karriere?

Jens Hollmann: Unbedingt. In der Bewerbungsphase geht es ja um Konkurrenz. Wer alle drei Bereiche abdeckt, Fachwissen, Erfahrung und Softskills, bekommt den Job. Wer bereits in leitender Funktion ist, muss seine ökonomischen Ziele erreichen und das gelingt kaum, wenn die Kollegen bremsen, das Team Probleme hat, die Stimmung schlecht ist oder die Patienten wegbleiben. Die Klinikgeschäftsführung analysiert die Fluktuationsquote von Abteilungen, wenn sie zu hoch ist, wird auch mal ein leitender Arzt entlassen. Schlicht, weil er zu teuer wäre, ihn zu halten. Das müssen Sie sich so vorstellen: Ein Chirurg guckt sich ein verletztes Bein an und ist sich seiner Diagnose sicher. Aber in der Mitarbeiterführung ist er unsicher, weil er es nicht gelernt hat. Denn der weiße Kittel ist ja kein Symbol dafür, dass die Mitarbeiterführung funktioniert. Und daran kann er scheitern.

 

Arzt&Karriere: Sie bieten erstmals ein offenes Seminar für Führungskräfte im Gesundheitssektor an. Was ist die Zielsetzung?

Jens Hollmann: Viele Geschäftsführer von Kliniken oder ärztliche Direktoren möchten ihren Mitarbeitern diese Art der Fortbildung gerne ermöglichen – weil sie erkannt haben, dass dies Investition eine ökonomische Notwendigkeit ist. Das Angebot ist bisher aber noch begrenzt. Zusammen mit Management Forum Starnberg will ich diese Lücke schließen und ein umfassendes, praxisrelevantes Seminar anbieten, das die Teilnehmer auf allen Softskill-Ebenen weiterbringt.

 

 

 

 

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